Fehldiagnosen wegen Geschlechterklischees
Die Medizin in Deutschland ist noch immer zu stark von Geschlechterklischees geprägt. Analysen der BARMER legen nahe, dass es häufig zu Fehldiagnosen kommt, weil bestimmte Erkrankungen eher Frauen und andere eher Männern zugeschrieben werden, obwohl dies nicht mehr dem neuesten Stand der medizinischen Forschung entspricht. Erfolgt keine oder eine falsche Therapie, droht sich das Leid der Betroffenen zu verschlimmern. „Gesellschaftliche Erwartungen beeinflussen die Wahrnehmung von Krankheiten. Dies gilt gleichermaßen für Betroffene und Behandlerinnen und Behandler. Wir benötigen eine gendersensible Medizin, die Rollenklischees überwindet und tatsächliche geschlechtsspezifische Unterschiede erkennt,“ sagt Simone Schwering, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der BARMER.
Migräne kennt kein Geschlecht
Das Bild, das zum Beispiel über Kopfschmerzen vorherrsche, sei stark von überholten Geschlechterzuschreibungen geprägt, so Schwering. Migräne, mit rund 4,5 Millionen Betroffenen in Deutschland, gelte immer noch als typische Frauenkrankheit. Nach Analysen der BARMER wird Migräne bei Frauen dreimal so häufig diagnostiziert als bei Männern. Die BARMER geht hier von einer Untererfassung betroffener Männer aus. Denn eine Migräne-Attacke verläuft bei Männern kürzer und milder und betroffene Männer gehen damit eher seltener zur Ärztin beziehungsweise zum Arzt.
Anzahl der Frauen mit Clusterkopfschmerzen verdoppelt
Umgekehrt verhält es sich bei Clusterkopfschmerzen, die immer noch als typisches Männerleiden gelten. Die BARMER hält diese Annahme für überholt. Denn bei Frauen hat sich nach Analysen der Krankenkasse die Betroffenenzahl innerhalb von 14 Jahren nahezu verdoppelt und lag im Jahr 2024 bei rund 31.500. Männer waren im selben Jahr mit rund 74.000 Diagnosen zwar immer noch rund 1,5-mal häufiger betroffen, in den Jahren zuvor war der Unterschied jedoch viel größer. Auf sechs betroffene Männer kam in früheren Jahrzenten nur eine Frau. Die BARMER führt den Anstieg bei Frauen auf eine verbesserte Diagnostik und die Zunahme von Risikofaktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum zurück. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Frauen mit Kopfschmerzen auch heute noch eine atypische Migräne diagnostiziert bekommen, obwohl sie an Clusterkopfschmerzen leiden“, sagt Schwering.
Mit geschlechtersensibler Medizin zur richtigen Diagnose
Entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung von Kopfschmerzen sei die richtige Diagnose. Würden etwa Migräne-Medikamente bei anderen Kopfschmerzarten eingesetzt, wirkten sie nicht und könnten bei häufigem Gebrauch sogar selbst Kopfschmerzen auslösen. Blieben Kopfschmerzen unbehandelt, drohe der Schmerz chronisch zu werden, und es könnten sogar Depressionen als Begleiterkrankung entstehen. „Es kann nicht sein, dass auf Grund des Geschlechts Beschwerden nicht erkannt, anders bewertet oder nicht ausreichend berücksichtigt werden. Wir benötigen ein besseres Verständnis für die geschlechtsspezifischen Unterschiede sowohl bei den Patientinnen und Patienten als auch Behandlerinnen und Behandlern. Die BARMER hat den Anspruch, ihren Versicherten gemäß ihrem individuellen Bedarf die bestmögliche Versorgung zugänglich zu machen und deshalb ihre Service- und Präventionsangebote auch nach genderspezifischen Gesichtspunkten ausgerichtet“, sagt Schwering. Insgesamt benötige es mehr Forschung und Datenanalysen zur geschlechtsspezifischen Diagnostik und Therapie. Die Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten.
Q&A
Wie unterscheiden sich Clusterkopfschmerzen von einer Migräne?
Sowohl Migräne als auch Clusterkopfschmerz treten meist einseitig auf. Doch sie unterscheiden sich in ihrer Intensität. Der Clusterkopfschmerz gilt als einer der stärksten Schmerzen, den ein Mensch überhaupt empfinden kann. Betroffene beschreiben den Schmerz, als bohre sich ein Nagel durch das Auge. Typisch ist zudem, dass auf der betroffenen Seite das Auge tränt und gerötet ist, zudem läuft die Nase. Anders als eine Migräneattacke, die Tage dauern kann, ist eine Clusterkopfschmerz-Attacke meist nach 15 Minuten bis drei Stunden vorbei, tritt aber in häufigen Attackenfrequenzen (Cluster) auf.
Was können Männer und Frauen selbst tun, um ihre Kopfschmerzen richtig einzuschätzen?
Treten eine verstopfte Nase und beidseits gerötete Augen gemeinsam mit Kopfschmerzen auf, muss dies nicht zwangsläufig ein Clusterkopfschmerz sein. Eine Erkältung oder allergische Reaktion kann ebenso dahinterstecken. Expertinnen und Experten empfehlen deshalb, Kopfschmerzen schon früh ärztlich abklären zu lassen und zusätzlich ein Kopfschmerztagebuch zu führen oder eine entsprechende App zu nutzen. Dies helfe, Trigger zu identifizieren und Vorankündigungen von Migräneattacken zu erkennen. Regelmäßiger Ausdauersport gilt als wirksame und nebenwirkungsarme Ergänzung, um die Häufigkeit von Migräneanfällen zu senken.
Haben Männer und Frauen unterschiedliche Risikofaktoren für Kopfschmerzen?
Ja, Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren biologischen, aber auch sozialen Risikofaktoren. Zu den biologischen Risikofaktoren für Migräne gehört der Hormonspiegel von Östrogen und Progesteron. Bei vielen Frauen treten Migräneattacken häufig im Zusammenhang mit der Menstruation auf. Der Rückschluss, dass Männer deshalb nicht an Migräne erkranken können, ist allerdings falsch. Denn es gib weitere Risikofaktoren. Während bei Frauen häufig Stress und grelles Licht eine Migräne triggern, sind es bei Männern eher Stress, übermäßiger Alkoholkonsum und zu viel Schlaf. Bei Clusterkopfschmerzen gelten Rauchen und Alkoholkonsum als Auslöser. Diese Laster waren lange den Männern vorbehalten. Doch mit der Zeit sind sie auch bei Frauen üblicher geworden, was den Anstieg von Clusterkopfschmerzen bei Frauen in den vergangenen Jahren zumindest zum Teil erklärt.
Gibt es neben Kopfschmerzen weitere Erkrankungen, die eine stärkere gendersensible Betrachtung bedürfen?
Zu den inzwischen bekannten Beispielen gehört der Herzinfarkt, der bei Frauen anders auftritt als bei Männern. Statt des starken Schmerzes im linken Oberarm äußert er sich bei ihnen eher durch Übelkeit, Bauch- oder Rückenschmerzen und Abgeschlagenheit. Auch Depressionen werden unterschiedlich wahrgenommen, allerdings eher wegen gesellschaftlich antrainierten Verhaltensmustern. Während Frauen sich Hilfe suchen, glauben Männer, erst einmal selbst klarkommen zu müssen. Sie beginnen, wenn überhaupt, erst später mit einer Therapie, was Behandlung nicht leichter macht. Nicht alle Leiden, die den Wechseljahren zugeschrieben werden, sind frauenspezifisch. Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Depressionen nehmen auch bei Männern in diesem Alter zu, wenn auch nicht ganz so stark. Sie sind in weiten Teilen eher Alterserscheinungen als Wechseljahresbeschwerden.
Was bedeutet „geschlechtersensible Medizin“?
Geschlechtersensible Medizin behandelt nicht alle Menschen nach demselben Schema. Sie berücksichtigt medizinisch relevante Unterschiede zwischen Männer und Frauen. Bei diesen Unterschieden handelt es sich nicht nur um biologische Gegebenheiten, sondern auch um zugeschriebene oder antrainierte Geschlechterrollen. Ziel der geschlechtersensiblen Medizin ist eine bessere Versorgung für Männer und Frauen.
Was unternimmt die BARMER für mehr Gendersensibilität?
Frauen und Männer sind ungleich gesund. Aus diesem Leitmotiv heraus bietet die BARMER ihren Versicherten geschlechts- und lebensphasen-spezifische Services an und richtet ihre Präventions- und BGM-Angebote danach aus. Da Frauen dem Risiko von Hitze stärker ausgesetzt sind als Männern, hat die BARMER zum Beispiel einen Hitzeschutzleitfaden für Frauen veröffentlicht. Unternehmen, die ihre Beschäftigten besser durch die Wechseljahre begleiten wollen, finden im BARMER-Leitfaden menopause@work Anregungen. Bei Fragen zu den Wechseljahren hat die BARMER ein Wechseljahre-Telefon eingerichtet. Dieses Angebot gilt für Alle, nicht nur für Versicherte. Erreichbar ist das Telefon unter 089 480 595 84. Zudem finden Interessierte zu diesem und vielen anderen genderspezifischen Themen Informationen auf der Website. Ihre Erkenntnisse aus Datenanalysen und Forschungstätigkeiten bringt die BARMER in Fachdiskussionen und verschiedenen Innovationsfondsprojekte ein.
Diese PM, sowie Grafiken zum Download finden Sie auch im Presseportal unter www.barmer.de/p030970
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