Ohne Patientensteuerung keine Entlastung
Kernergebnisse
- Bis zum Jahr 2040 könnten ambulante Notfallbehandlungen in Kliniken voraussichtlich um rund 21 Prozent und Rettungsdiensteinsätze um knapp 13 Prozent zunehmen. Haupttreiber ist unter anderem die alternde Bevölkerung.
- Es gibt deutliche regionale Unterschiede bei der prognostizierten Inanspruchnahme des Notfallsystems im Jahr 2040.
- Eine bessere Patientensteuerung könnte den prognostizierten Trend umkehren und die Zahl der ambulanten Notfallbehandlungen im Krankenhaus und der Rettungsfahrten um mehr als 25 Prozent bis zum Jahr 2040 senken.
- BARMER-Vorstandsvorsitzender Straub: „Die Notfallversorgung in Deutschland steht aufgrund des demographischen Wandels vor enormen Herausforderungen. Eine einheitliche Organisation der Notfallstrukturen, eine verbindliche Ersteinschätzung und die konsequente Steuerung in die richtige Versorgungsebene, aber auch eine aufsuchende Versorgung von vulnerablen Patientinnen und Patienten im häuslichen Umfeld könnten für viel Entlastung sorgen.“
Berlin 3. September 2026 – Ohne eine verbesserte Patientensteuerung könnte die Zahl ambulanter Notfallbehandlungen in Krankenhäusern bis zum Jahr 2040 von zuletzt 13 Millionen auf 15,7 Millionen steigen. Das entspricht einem Zuwachs um rund 21 Prozent im Vergleich zum Jahr 2024. Zudem könnten Rettungsdiensteinsätze mit Patiententransport um knapp 13 Prozent zunehmen, von 6,86 Millionen auf 7,74 Millionen. Dies geht aus einer Analyse des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) hervor. „Die Notfallversorgung in Deutschland steht heute schon vor enormen Herausforderungen. Weiter steigende Fallzahlen führen immer stärker an ihre Belastungsgrenze“, sagt Prof. Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER. Um das Notfallsystem zu entlasten, sei eine bundesweit einheitliche Organisation der Notfallstrukturen dringend erforderlich.
Konsequente Steuerung in richtige Versorgungsebene nötig
Für ein modernes Notfallsystem bedürfe es einer verbindlichen Ersteinschätzung und der konsequenten Steuerung in die richtige Versorgungsebene. Die vorliegenden Ergebnisse aus der BARMER-Analyse unterstrichen nachdrücklich, wie bedeutend der zentrale Ansatz der von der Bundesregierung geplanten Notfallreform sei. Kern sei schließlich die gezielte Steuerung von Patienten an die geeignete Stelle. „Nicht jeder vermeintliche Notfall ist tatsächlich einer. Für eine bestmögliche und passgenaue Versorgung ist daher eine verbindliche Ersteinschätzung elementar“, sagt Straub.
Notfallsystem könnte um mehr als 25 Prozent entlastet werden
Für die BARMER-Analyse wurde die Inanspruchnahme der Notfallversorgung in bundesweit 984 Regionen untersucht. Dabei wurde der Effekt skizziert, wenn es gelänge, die bundesweite Inanspruchnahme auf das Niveau der Regionen mit den heute niedrigsten Quoten zu senken. Dann könnte die Zahl der ambulanten Notfallbehandlungen in Kliniken und der Rettungsfahrten bis zum Jahr 2040 um mehr als 25 Prozent reduziert werden. „Das Notfallsystem muss entlastet werden. Durch eine gezielte Patientensteuerung könnten die Hausärzte und der ärztliche Bereitschaftsdienst verstärkt weniger dringliche Fälle übernehmen“, so BARMER-Chef Straub. Im gleichen Zuge könnten die Hausärzte entlastet werden. Möglich wäre dies durch die Delegation ärztlicher Aufgaben an therapeutische und pflegerische Berufe sowie durch eine konsequente Ausschöpfung der Digitalisierung. Ergänzend sei der Aufbau „aufsuchender“ Versorgungskonzepte für vulnerable Gruppen, zum Beispiel über spezifisch qualifizierte Pflegekräfte oder medizinische Fachangestellte zur Entlastung des Versorgungssystems notwendig.
Regionale Inanspruchnahme entwickelt sich sehr unterschiedlich
Laut BARMER-Auswertung gibt es deutliche regionale Unterschiede bei der prognostizierten Inanspruchnahme des Notfallsystems im Jahr 2040. In Sachsen-Anhalt könnte die Zahl ambulanter Behandlungen im Krankenhaus um acht Prozent und die der Rettungsdiensteinsätze mit Patiententransport um gut fünf Prozent sinken. Grund dafür sind eine prognostizierte stabile hausärztliche Versorgung einhergehend mit Bevölkerungsrückgängen. In Baden-Württemberg wird eine gegenläufige Entwicklung prognostiziert. Die Inanspruchnahmen könnten hier um 29 bzw. 18 Prozent steigen. „Da sich die Nutzung der Notfallversorgung in Deutschland sehr unterschiedlich entwickelt, ist eine regionale Differenzierung bei der Ressourcenplanung unbedingt erforderlich. Örtliche Besonderheiten müssen unter Einhaltung bundesweiter Standards bedarfsgerecht berücksichtig werden“, fordert Straub.
Q&A
Was ist der Hintergrund der BARMER-Analyse?
Am 22. April 2026 hat das Bundeskabinett den Entwurf eines Gesetzes zur Reform der Notfallversorgung beschlossen. Ein zentrales Versprechen besteht in einer verbesserten Patientensteuerung. Dabei sollen Fehlinanspruchnahmen des Rettungsdienstes und der Notaufnahmen der Krankenhäuser reduziert werden. Die aktuelle Datenlage zur Inanspruchnahme der Notfallversorgung erweist sich jedoch als spärlich. Zudem mangelt es an Projektionen der zukünftigen Entwicklung des Versorgungsgeschehens, die eine Grundlage für eine bedarfsgerechte Planung von Notfallstrukturen bilden könnten. Das bifg-Paper hat daher eine Projektion der Notfallversorgung in Deutschland bis zum Jahr 2040 vorgenommen.
Worauf basiert die BARMER-Analyse?
Auf BARMER-Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2024, die für die Projektion bis zum Jahr 2040 mit der Raumordnungsprognose 2025 des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung und einer BARMER-Hausärzteprojektion aus dem Jahr 2025 kombiniert wurden. Die hausärztliche Versorgung wurde dabei bundesweit auf Ebene von 984 Mittelbereichen betrachtet. Mittelbereiche sind die offizielle Planungsebene für die hausärztliche Versorgung. Als Indikatoren für die Notfallversorgung wurden ambulante Notfallbehandlungen im Krankenhaus sowie Rettungsdiensteinsätze mit Patiententransport betrachtet. Daraus wurden die Veränderungen der Inanspruchnahme unter der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung und der hausärztlichen Versorgung bis zum Jahr 2040 modelliert.
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